Blog

  • Woche der seelischen Gesundheit: Trauma, Traumafolgen und Somatic Experiencing in Chemnitz

    Woche der seelischen Gesundheit: Trauma, Traumafolgen und Somatic Experiencing in Chemnitz

    Was, wenn psychische Gesundheit nicht nur eine Frage unserer Gedanken und Gefühle ist – sondern auch eine Frage dessen, wie sicher sich unser Körper in der Welt und in Beziehung fühlt?

    Jedes Jahr im Oktober rückt die Woche der seelischen Gesundheit psychische Erkrankungen, Prävention und Unterstützungsangebote stärker in die öffentliche Wahrnehmung.

    Das ist wichtig.

    Denn über Depressionen, Ängste oder Erschöpfung wird heute offener gesprochen als noch vor einigen Jahren. Trauma und Traumafolgestörungen bleiben dagegen häufig schwer greifbar.

    Trauma wird oft mit außergewöhnlichen Ereignissen verbunden: mit Krieg, Unfällen, Katastrophen oder körperlicher und sexualisierter Gewalt.

    Doch traumatische Erfahrungen können sehr viel näher an unserem alltäglichen Leben entstehen.

    Trauma kann in Beziehung geschehen.

    In der Herkunftsfamilie.
    In Kindheit und Jugend.
    In Ehe und Partnerschaft.
    In Freundschaften.
    In Schule und Ausbildung.
    Am Arbeitsplatz.
    Während medizinischer Behandlungen.
    Durch Gewalt, Verlust, Trennung oder Vernachlässigung.

    Und manchmal dort, wo eigentlich Sicherheit, Schutz und Verbundenheit erwartet wurden.

    Die Woche der seelischen Gesundheit ist deshalb für mich auch eine Einladung, Trauma differenzierter zu betrachten: nicht nur als Ereignis der Vergangenheit, sondern als mögliche Reaktion von Körper, Psyche und Nervensystem auf Erfahrungen, die nicht ausreichend verarbeitet werden konnten.

    Was ist ein Trauma?

    Nicht jedes belastende Erlebnis ist ein Trauma.

    Menschen können schwere Lebenssituationen erleben und diese mit eigenen Ressourcen und Unterstützung verarbeiten. Gleichzeitig können Erfahrungen, die von außen weniger dramatisch erscheinen, für eine einzelne Person überwältigend sein.

    Entscheidend ist deshalb nicht ausschließlich:

    Was ist passiert?

    Eine weitere wichtige Frage lautet:

    Was ist währenddessen im Nervensystem geschehen – und was davon wirkt heute noch weiter?

    Gab es Schutz?

    Gab es Unterstützung?

    War Flucht oder Gegenwehr möglich?

    Gab es eine vertraute Person, die Sicherheit vermittelt hat?

    Oder blieb der Körper mit Angst, Hilflosigkeit oder Überforderung allein?

    Trauma beschreibt damit nicht einfach eine schwierige Vergangenheit. Es kann bedeuten, dass Schutzreaktionen des Nervensystems weiterbestehen, obwohl die ursprüngliche Bedrohung längst vorüber ist.

    Trauma passiert in Beziehung

    Menschen entwickeln sich in Beziehung.

    Gerade in den ersten Lebensjahren sind Sicherheit und Regulation eng mit anderen Menschen verbunden. Kinder benötigen Bezugspersonen, die Schutz geben, Grenzen achten, beruhigen und dabei unterstützen, intensive Gefühle zu regulieren.

    Schwierig wird es, wenn Beziehung gleichzeitig Nähe und Gefahr bedeutet.

    Wenn Zuwendung unberechenbar ist.

    Wenn Bedürfnisse keinen Raum bekommen.

    Wenn Konflikte mit Angst verbunden sind.

    Wenn Anpassung notwendig erscheint, um Beziehung nicht zu verlieren.

    Wenn ein Kind früh lernt, zu funktionieren, statt die eigenen Empfindungen wahrzunehmen.

    Oder wenn körperliche, emotionale oder sexualisierte Grenzen verletzt werden.

    Solche Erfahrungen führen nicht automatisch zu einer Traumafolgestörung. Sie können jedoch beeinflussen, wie das Nervensystem später auf Nähe, Konflikte, Stress und Unsicherheit reagiert.

    Trauma in Ehe und Partnerschaft

    Auch Beziehungen im Erwachsenenalter können zu Orten chronischer Belastung oder traumatischer Erfahrungen werden.

    Besonders deutlich ist dies bei körperlicher oder sexualisierter Gewalt, massiver Kontrolle, Bedrohung oder psychischer Gewalt.

    Doch auch lang andauernde Beziehungserfahrungen können das Nervensystem erheblich belasten: wiederkehrende Abwertung, emotionale Unberechenbarkeit, Grenzüberschreitungen oder das permanente Gefühl, auf die Stimmung des Gegenübers achten zu müssen.

    Der Körper entwickelt Strategien, um damit umzugehen.

    Vielleicht entsteht starke Wachsamkeit.

    Vielleicht werden Konflikte vermieden.

    Vielleicht fällt es zunehmend schwer, eigene Bedürfnisse oder Grenzen wahrzunehmen.

    Vielleicht entsteht Rückzug.

    Oder ein Gefühl innerer Erstarrung.

    Diese Reaktionen sind nicht einfach „falsches Verhalten“. Sie können als Schutzstrategien verstanden werden, die einmal einen Sinn hatten.

    Wenn der Körper weiter auf eine vergangene Gefahr reagiert

    Traumafolgen können sehr unterschiedlich aussehen.

    Mögliche Beschwerden sind beispielsweise:

    • innere Unruhe und anhaltende Anspannung
    • Ängste oder Panik
    • Schlafstörungen
    • starke Schreckhaftigkeit
    • Konzentrationsprobleme
    • emotionale Überforderung
    • Rückzug und Vermeidung
    • Erschöpfung
    • körperliche Anspannung
    • Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen
    • das Gefühl, vom eigenen Körper oder den eigenen Gefühlen abgeschnitten zu sein

    Auch bestimmte Situationen, Geräusche, Gerüche, Berührungen oder zwischenmenschliche Dynamiken können intensive Reaktionen auslösen, ohne dass zunächst verständlich ist, warum.

    Der Kopf weiß vielleicht:

    „Heute bin ich sicher.“

    Der Körper reagiert trotzdem:

    „Achtung. Gefahr.“

    Genau diese Diskrepanz begegnet mir in der Traumatherapie in Chemnitz immer wieder.

    Traumafolgestörung und PTBS: Nicht jede Traumareaktion ist eine Diagnose

    Trauma, Traumafolgen und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sollten nicht gleichgesetzt werden.

    Eine PTBS ist eine definierte psychische Erkrankung mit diagnostischen Kriterien. Daneben gibt es unter anderem die komplexe PTBS sowie weitere psychische und körperliche Beschwerden, die im Zusammenhang mit belastenden Erfahrungen stehen können.

    Nicht jede traumatische Erfahrung führt zu einer PTBS.

    Genauso wenig sollte jedes Symptom vorschnell auf ein Trauma zurückgeführt werden.

    Eine sorgfältige diagnostische und therapeutische Einordnung bleibt wichtig.

    Gerade während der Woche der seelischen Gesundheit erscheint mir diese Differenzierung wesentlich: Psychische Beschwerden verdienen Aufmerksamkeit, ohne Menschen vorschnell mit Diagnosen oder Etiketten zu versehen.

    Somatic Experiencing: Trauma nicht nur verstehen, sondern den Körper einbeziehen

    In meiner Arbeit in der Traumatherapie Chemnitz spielt Somatic Experiencing® (SE) eine wichtige Rolle.

    Somatic Experiencing ist ein körperorientierter Ansatz zur Arbeit mit traumatischem Stress.

    Dabei steht nicht ausschließlich die Frage im Mittelpunkt, was damals passiert ist.

    Ebenso wichtig ist:

    Was geschieht jetzt im Körper, während eine Erinnerung, ein Konflikt oder eine bestimmte Empfindung auftaucht?

    Verändert sich der Atem?

    Entsteht Druck im Brustkorb?

    Spannen sich Schultern oder Bauch an?

    Taucht ein Impuls auf, wegzugehen?

    Werden Hände oder Füße kalt?

    Entsteht Unruhe?

    Oder gibt es gleichzeitig einen Bereich im Körper, der sich ruhig, warm oder stabil anfühlt?

    Diese oft sehr kleinen Veränderungen können Hinweise darauf geben, wie das autonome Nervensystem gerade organisiert ist.

    Muss ein Trauma in der Therapie noch einmal durchlebt werden?

    Eine häufige Sorge vor Traumatherapie lautet:

    „Muss ich alles noch einmal erzählen und durchleben?“

    Körperorientierte Traumatherapie muss nicht bedeuten, möglichst tief oder möglichst schnell in belastende Erinnerungen einzutauchen.

    Bei Somatic Experiencing geht es vielmehr darum, Prozesse dosiert und in regulierbaren Schritten zu begleiten.

    Nicht:

    Wie viel Belastung halte ich aus?

    Sondern:

    Wie kann mein Nervensystem zunehmend zwischen Aktivierung und Entspannung, Nähe und Distanz, Schutz und Verbindung unterscheiden?

    Dazu kann gehören, den Raum wahrzunehmen, Kontakt zum Boden zu spüren, körperliche Ressourcen zu entdecken oder kleine Veränderungen von Spannung und Entspannung zu beobachten.

    Es geht um Wahlmöglichkeiten.

    Von der Schutzreaktion zurück zu mehr Selbstregulation

    Kampf, Flucht und Erstarrung sind keine persönlichen Schwächen.

    Es sind grundlegende biologische Schutzreaktionen.

    Problematisch können sie werden, wenn das Nervensystem auch lange nach einer belastenden Erfahrung nur schwer aus diesen Zuständen herausfindet.

    Dann können scheinbar alltägliche Situationen starke Aktivierung auslösen.

    Ein Streit.

    Eine bestimmte Stimme.

    Kritik.

    Nähe.

    Berührung.

    Eine medizinische Untersuchung.

    Oder das Gefühl, keine Kontrolle über eine Situation zu haben.

    Ein Ziel körperorientierter Traumatherapie kann deshalb darin bestehen, die Fähigkeit zur Selbstregulation zu unterstützen und den eigenen Handlungsspielraum wieder zu erweitern.

    Trauma passiert in Beziehung – Veränderung kann ebenfalls in Beziehung entstehen

    Für mich führt dieser Gedanke unmittelbar zurück zur Woche der seelischen Gesundheit.

    Psychische Gesundheit entsteht nicht isoliert.

    Menschen brauchen Menschen.

    Unser Nervensystem reagiert auf Beziehung: auf Stimme, Blickkontakt, Abstand, Nähe, Grenzen, Verlässlichkeit und Resonanz.

    Wenn Verletzungen in Beziehung entstanden sind, kann eine sichere therapeutische Beziehung deshalb selbst zu einem wichtigen Erfahrungsraum werden.

    Ein Raum, in dem ein Nein respektiert wird.

    Ein Raum, in dem das eigene Tempo zählt.

    Ein Raum, in dem nichts geleistet werden muss.

    Ein Raum, in dem Nähe und Abgrenzung gleichzeitig möglich sein dürfen.

    Und vielleicht entsteht mit der Zeit eine neue Erfahrung:

    Ich kann mit einem anderen Menschen in Beziehung sein, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

    Woche der seelischen Gesundheit in Chemnitz: Psychische Gesundheit braucht Räume

    Die Woche der seelischen Gesundheit im Oktober schafft öffentliche Aufmerksamkeit für etwas, das im Alltag häufig unsichtbar bleibt.

    Psychische Belastungen sind nicht immer von außen erkennbar.

    Auch traumatische Erfahrungen hinterlassen keine sichtbare Narbe.

    Ein Mensch kann arbeiten, Beziehungen führen, Verantwortung übernehmen und nach außen stabil erscheinen – während das Nervensystem im Inneren permanent versucht, Sicherheit herzustellen.

    Deshalb braucht seelische Gesundheit Räume, in denen darüber gesprochen werden darf.

    Ohne Scham.

    Ohne vorschnelle Diagnose.

    Ohne den Anspruch, einfach wieder funktionieren zu müssen.

    Vielleicht beginnt ein anderer Blick auf Trauma deshalb mit einer anderen Frage.

    Nicht:

    „Was stimmt mit mir nicht?“

    Sondern:

    „Was hat mein Körper gelernt, um mich zu schützen?“

    Und anschließend:

    „Was brauche ich heute, damit wieder mehr Sicherheit, Verbindung und Lebendigkeit möglich werden?“

    Traumatherapie und Somatic Experiencing in Chemnitz

    In meiner Praxis Traumatherapie Chemnitz begleite ich Menschen mit psychischen Belastungen, traumatischen Erfahrungen und Traumafolgen mit psychotherapeutischen und körperorientierten Ansätzen. Elemente aus Somatic Experiencing® beziehen Körperwahrnehmung und Nervensystemregulation in diesen Prozess ein.

    Dabei geht es nicht darum, die eigene Geschichte auszulöschen.

    Es geht darum, die Gegenwart wieder stärker als Gegenwart erleben zu können.

    Eigene Grenzen wahrzunehmen.

    Wahlmöglichkeiten zurückzugewinnen.

    Sich selbst wieder deutlicher zu spüren.

    Und Schritt für Schritt mehr Sicherheit im eigenen Körper und in Beziehung erfahren zu können.

    Denn Vergangenheit lässt sich nicht verändern. Aber sie muss nicht dauerhaft bestimmen, wie sich Gegenwart anfühlt.